Soulfood | Ich habe nix gegen Ausländer, aber...

Sonntag, Juni 05, 2016

Ich habe nix gegen Ausländer, aber...
Diesen Satz hat bestimmt jeder von uns gehört oder womöglich schon einmal ausgesprochen um sich vor einer Einteilung in die rechte Schublade zu schützen.
In der Mittagspause beim Italiener die Pizza bestellen, Abends mit der Family beim Griechen Gyros essen und zwischendurch den Döner to Go.
Das Smartphone, den fleißigen Asiaten sei Dank, funktioniert auch einwandfrei, die Polen sind super im Fliesenlegen und sämtliche handwerklichen Aufgaben, die so anfallen und mit dem russischen Nachbarn kann man so richtig schön Kalinka schreien und Vodka trinken.
Vorurteile?
Kultur?
Stereotypisierung?
Profitiert denn eine Gesellschaft nicht vom inter- und intrakulturellen Austausch?



Stattdessen fallen Sätze wie:

Ich habe nix gegen Ausländer, aber...
Die meisten sind doch kriminell!
Echt? Kriminalität hat in vielen Fällen eine Ursache:
Und die heißt nicht "Herkunft" sondern "Armut" oder "Skrupelloses Verhalten".

Ich habe nix gegen Ausländer, aber...
Die sollen sich benehmen!
Moralische Werte haben auch hier nix mit "Herkunft" zu tun, die kleinen lustigen Neo-Hools wissen ja schließlich auch nicht wie Benehmen im Rahmen einer sozialen Gesellschaft funktioniert.

Ich habe eine richtig tolle Grafik auf  Blogrebellen gefunden, die wirklich schön darstellt was das Problem der "Ich habe nix gegen Ausländer, Aberbärchen" ist.

Ich habe nichts gegen Ausländer, aber ...

Für mich, deren Mutter jahrelang nach meiner Geburt noch den heimatlosen Ausländer-Pass hatte und sich immer wieder neue Aufenthaltsgenehmigungen holen musste, ist eine Welt voller verschiedener Kulturen normal.
Als Kind wuchs ich mit meiner Freundin, deren Wurzeln in Nigeria und der Ukraine liegen, auf und für mich gab es nur: hat mehr oder weniger Barbies als ich.
Ich wusste bei meiner persischen Freundin gab es ganz lecker Basmatireis und wir spielten ein Bingo-ähnliches Spiel dessen Schrift so schön verschnörkelt war, dass ich es als Zeichnung wahrnahm.
Ach ja und zum Schluss sagten alle so etwas, das sich wie
Chodafest
anhörte.
Bei meiner Freundin Patricia waren die Eltern immer sehr locker und ihre Mama machte eine super leckere Sauerkrautsuppe.
Auch die wichtigsten Auszüge ihrer Sprache lernte ich sehr schnell und wir belustigten uns auf dem Spielplatz wenn meine algerische Freundin bei meiner polnischen Freundin klingelte und ihre Eltern fragte:
Tschech, jest Pati de domu?
Die Mama unserer türkischen Freundin trug so tolle goldene Hausschuhe und machte so 'ne andere Pizza,
ohne Käse, mit ganz viel Mett aber voll lecker, dazu noch der Tee, yummy.
Das indische Mädchen von nebenan hatte auf dem Spielplatz wunderschöne Kleider an und ihre Mama beherbergte so schöne bunte Stoffe, wie aus 1000 und einer Nacht.
Meine russischen Nachbarn brachten einmal die Woche richtig leckeres Gebäck rüber auch wenn sie laut feierten.
Bei mir zu Hause war es immer laut und Mama servierte Mittelmeerküche während Papa Schnecken aß.
Ach ja, und unser deutscher Kumpel musste immer pünktlich um 17:45 vom Spielen los; wegen Abendbrot.
Darf man Brot nur abends essen?

So bin ich aufgewachsen.
Der Eine oder Andere mag jetzt sagen:
Vorurteile!
Nein, Kultur.
Für uns Kinder damals etwas völlig Normales, etwas was so selbstverständlich war wie die verschiedenen Farben eines Regenbogens.
Wichtig war uns nur ob der Andere die gleichen Sammelkarten hatte.
Religion?
Herkunft?
Haut- und Haarfarben?
Interessierte uns Kinder nicht.
Selbst wenn ein Grüner zwischen uns gespielt hätte, wäre er genauso vom Fahrrad geschubst worden und hätte den Ball abbekommen.


Am Montag hielt Mo Asumang einen Vortrag über Alltagsrassismus in Hannover und meine Freundin und ich hörten dem Ganzen gebannt zu.
Mo Asumang war Deutschlands erste Afrodeutsche TV Moderatorin, 1996 (!), und widmete sich in den letzten Jahren dem Thema Rassimus nachdem die schwachsinnige Neo-Nazi-Band "White Aryan Rebels" einen Song sangen, der
"Die Kugel ist für dich, Mo Asumang"
hieß.
Sie drehte Dokumentationen und veröffentlichte ihr Werk "Die Arier" für das sie internationale Rassisten und den Ku Klux Klan traf.
Eine bemerkenswerte mutige Frau!


The mighty Mo and me 


Sie sprach in dem Vortrag von Aufklärung der Kinder in Schulen.
Vom Verständnis des Andersseins.
Ich denke, es liegt in der Pflicht der Eltern ein Umfeld zu schaffen, das Kindern Vielfältigkeit als etwas Normales zeigt.
Gerade im Zeitalter des Multi-Kultis kommen Kinder doch schon in den jüngsten Jahren mit anderen Kulturen in Berührung.
Dennoch habe ich das Gefühl, dass sich zu dem Rassismusproblem auch noch ein anderes gesellt hat.
Misanthropie!
Hass generell.

Etwas was ich falsch an Mo Asumangs Vortrag fand, war die Stereotypisierung des Rassisten.
Die Rolle wurde gut besetzt.
Weiß, deutscher Herkunft, immer unter dem Tarnmantel des Patriotismus' und meistens mit dem Namen Michael, Dirk, Uwe etc.
Klassifizieren wir so nicht auch?
Zucken wir durch solche Klischees nicht auch sofort zusammen wenn ein glatzköpfiger Uwe auf einmal auf uns zukommt?

So wie nicht alle Ausländer "kriminell" sind, sind nicht alle Deutschen "Rassisten".
Die Gleichung kennen wir.

Und nicht alle Rassisten sind deutsch!
Ein Blick in den Nahen Osten zeigt Verfolgungen, Ausgrenzung, Unterdrückung und Genozide.
Ein Blick auf Amerika und wir erinnern uns an Trayvon Martin und zittern vor Ideologien, die, falls Amerika durch die Islamophobie, die sich dank der IS schneller ausbreitet als Windpocken, sich für Donald Dumb entscheidet, uns noch mehr Hass verschaffen werden.
Ein Blick auf Frankreich und wir sehen gestürmte Moscheen, Muslime, die auf den Straßen angegriffen werden.
Und wie oft musste ich von vielen jungen Halbstarken, die zwar einen Migrationshintergrund haben, aber  davon so weit entfernt sind wie mein linker Zeh vom Mond, hören:
Scheiss Deutsche.
Gerade auf sozialen Netzwerken werden dann, unter politischen Diskussionen, sehr gerne sexuelle Gefälligkeiten mit den feindlichen Müttern angeboten.
Ach ja und wer nicht an eine bestimmte Religion glaubt, ist ungläubig und eh scheiße.
Ich lese ständig auf Facebook wie scheiße Deutschland ist, wie scheiße die Deutschen sind, von Jugendlichen, die hier geboren und aufgewachsen sind, deren Eltern auch hier geboren und aufgewachsen sind und frage mich ernsthaft wieso man so eine Scheiße äußern muss.
Wir sind eine Demokratie und haben Vorteile und Chancen, die viele in anderen Länder nicht mal zum Teil haben.
Wir haben den Luxus der Gleichberechtigung, der Freiheit (ja, auch Meinungsfreiheit) und Rechte.
Und teilweise lese ich dieses Schlandshaming auch von Deutschen und frage mich wo sie denn hinwollen?

Rassismus ist nicht mehr nur herkunftsbedingt, Rassismus ist glaubensorientierter geworden, Rassismus heißt schon lange nicht mehr:
Andere Hautfarbe?
Andere Haarfarbe?
Mittlerweile ist es zur Flüchtlingsfrage geworden.
Kriegsflüchtlinge, die auf einmal überraschend vor unserer Tür stehen und anklopfen.
Haben wir den Nahen Osten nicht genug mit Waffen beliefert?
Was wollen die auf einmal hier?
Wer Elend schafft darf sich nicht wundern wenn das Elend nun an unserer Tür steht.

Wir nehmen Flüchtlinge auf, Gottseidank, aber wir lassen sie allein.
Wir lassen Gäste in unser Haus und sagen ihnen nicht, dass sie sich die Schuhe ausziehen sollen, beschweren uns aber, wenn sie mit Schuhen durch unser Wohnzimmer laufen.
Wir verlangen Integration aber bieten Ablehnung.
Besorgte Fliesentischbesitzer diskutieren während den Werbepausen bei Mitten im Leben oder im Wartezimmer des Job-Centers über diese unmöglichen Flüchtlinge, diese Sozialschmarotzer des Südens, denen es ja gut geht, schließlich haben sie ein Smartphone (!!).
Und ganz Deutschland macht sich auf einmal Gedanken über Obdachlose auf den Straßen.
Toll.
Ach ja AFD wird dann auch noch gewählt.
Das Ganze wird auch noch salonfähig und es heißt wieder:
Ich hab ja nix gegen Ausländer, aber... 

Und ich wünsche mich auf dem Spielplatz der Kulturen zurück wo wir mit Baklava und Wassereis polnisch lernten, uns dieses Glück, diese Freiheit so selbstverständlich vorkam und hoffe, meine zukünftigen Kinder werden in einer Welt inmitten verschiedener Kulturen und ohne Angst aufwachsen.



Ich könnte mehr von Xenophobie und Schlandshaming schreiben, so viel mehr aber das reicht für heute.

Wie steht ihr zu dem Thema?
Habt ihr das Gefühl in Deutschland herrscht gerade eine Aufteilung in Links und Rechts?

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12 Kommentare

  1. Du hast einen interessanten Bericht geschrieben!

    Zur Zeit ist es echt nicht einfach mit der Gesellschaft! Sehr schade!

    Liebes, hab einen schönen Sonntag!

    xoxo Jacqueline
    www.hokis1981.blogspot.com

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  2. Was du sagst hat so viel Bedeutung! Ist bestimmt ein tolles Gefühl gewesen, darüber einen Post zu schreiben und es einmal alles ausspucken zu können :)

    xx, rebecca
    awayinparadise.blogspot.de

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    1. Ja, ich bin einfach genervt von dieser ständigen Diskussion und Thematisierung einer eigentlichen Selbstverständlichkeit...

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  3. Ich habe schon oft Inder gesehen die hatten so unglaublich tolle Kleider an. Was ich eigentlich nur aus dem Fernsehen kannte. Bei uns in der Stadt ist mittlerweile 2-3x die Woche die Polizei, weil sich Leute verprügeln. Ich kriege da selbst Angst, wenn man da vorbei geht. Soviel Hass ist unglaublich, ich glaube deshalb rächt sich die Erde auch mit dem ganzen Unwetter..

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    1. Schlimm oder? Soviel Hass wird uns noch zerstören

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  4. Liebe Geri,
    ein sehr spannender Beitrag zu einem schwierigen Thema. Ich denke nicht, dass Deutschland sich zwangsläufig in links und rechts geteilt hat, aber: ja, es gibt eine Spaltung in der Gesellschaft, von der insbesondere rechte Rattenfänger profitierten. Diese machen es möglich, dass es wieder gesellschaftsfähig wird, menschenfeindliche Parolen zu gröhlen und mit abscheulichen, feigen Gewalttaten gegen hilflose Menschen vorzugehen. Wenn man die Kommentare auf Facebook liest, wenn man die Medien verfolgt und wenn man manche Bekannte rassistische Äußerungen tätigen hört, dann fragt man sich, wo die Bildung (besonders Geschichts- und Politikunterricht) auf der Strecke geblieben ist und auch fragt man zeitgleich, was im Leben dieser Menschen vorgefallen ist, dass sie solche Hass gegenüber anderen empfinden, die für ihre Situation absolut nichts können. Es macht einen traurig, dass Vielfalt als etwas Schlechtes empfunden wird und dass vor allem diejenigen, die noch nicht einmal unbedingt mit einer fremden Kultur in Berührung gekommen sind (siehe Statistik zu Anzahl von Menschen muslimischen Glaubens im Osten, wo die Fremdenfeindlichkeit und rassistischen Übergriffe hauptsächlich stattfinden), sich als "besorgte Bürger voller Angst" darstellen. Armut ist ein Problem in Deutschland, ja. Aber das ist Sache der Sozialpolitik, diese "besorgten Bürger" werden nicht reicher durch die Geflüchteten in Deutschland, ja. Aber sie werden auch nicht ärmer, denn die Geflüchteten haben nichts damit zu tun. Es ist Aufgabe der Politik soziale Missstände zu beseitigen. Das schafft man durch Wählen gehen (von demokratischen Parteien) und dadurch, dass man sich mal außerhalb der Bildzeitung politisch informiert. Es ist Aufgabe von uns aufgeklärten und anständigen Menschen, den rechten Entwicklungen entgegen zu treten und für Vielfalt sowie Menschlichkeit einzutreten. So, das war jetzt auch mein Wort zum Sonntag. :D #refugeeswelcome

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  5. Leider benehmen sich ausländische Männer teilweise echt daneben, sorry. Weil männer in unserer kultur eh "besser" sind. Finds schlimm, das gehört hier nicht hin. Für mehr Emanzipation!

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  6. Liebe Geri,
    ich habe gerade erst deinen Blog entdeckt und schon einen Artikel gelesen, der wohl mit zu den besten und wichtigsten gehört, die ich überhaupt jemals auf Blogs gelesen habe! Ich wünschte wirklich, jeder würde so denken wie du. Und ich wünschte, dass jeder mit ähnlichen Kindheitserfahrungen (die ich leider nicht habe, ich bin vielleicht auch schon zu alt dazu) einen ähnlichen Post verfassen würde.
    Ich kann nur Danke sagen für deine wunderbare Stellungnahme!
    GLG Andrea

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  7. Liebe Geri, Danke für diesen wundervollen Artikel. Mir dreht sich bei diesem ganzen "Ich hab nichts gegen Ausländer, aber..." förmlich der Magen rum. Besonders erschreckend finde ich, dass man solche Aussagen mittlerweile sogar schon von Menschen hört, bei denen man das niemals erwartet hätte. Kollegen, Freunde, ja sogar Familienmitglieder.
    Für mich persönlich gibt es grundsätzlich kein ABER und ich bin der Meinung, wir müssen heutzutage sowieso endlich weg von diesem Differenzierung nach Ländern und Rassen. Wir sind alle eine Spezies - nämlich Menschen. Und genau als das sollten wir uns endlich sehen.
    Viele Grüße
    Moni

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  8. Gut geschrieben! Langsam nervt mich echt diese ganze Negativität, der Hass, das Schubladendenken und das unnötige Leid... einfach nur traurig, da ist es echt schwer positiv zu bleiben und das beste aus allem zu machen
    Liebe Grüße <3

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  9. Toller Post Geri. Mir geht es wie Dir. Alles multikulti und ich liebe es. Bei mir gibt es kein "aber" . Mir nimmt niemand was weg, ich teile gern. Ich freu mich über Deinen Post und ärger mich grün über die AFD.
    Liebe Grüße Tina

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