Chapter 3: Extremely Laut and Incredibly Nervig

Sonntag, September 06, 2015



"Über 70 Prozent der männlichen wie der weiblichen Singles finden, dass das Kino der passende Ort für ein Rendezvous ist."

Und so ging die Reise weiter...
Als Frau, sowie auch als Mann, hat man dank dem Stalkerparadies immer "Hin- und Herschreibe-Kontakte". 
( Shoutout für diese Wortwahl an einen ganz bestimmten Herren, den wir zu einem späteren Zeitpunkt auch noch kennenlernen werden ) 
Und so hatte auch ich jemanden, den ich live nicht kannte, dafür aber virtuell.
Nach langem "Hin- und Herschreiben" kamen wir auf den Gedanken: 
"Hey, man könnte sich ja auch mal treffen."

Ein Kinoabend sollte es sein.
Es lief "Extremely Loud and Incredibly Close" von Jonathan Safran Foer.
Yay, die Verfilmung eines meiner Lieblingsbücher und so konnte ich testen ob dieser Mann auch über den nötigen Tiefgang verfügte, den ich brauchte.
Da er momentan kein Auto hatte, holte ich ihn selbstverständlich ab.
Ich hatte ja in der Zwischenzeit Erfahrung als Freizeitchauffeur gesammelt.
Und so sprang ein Typ, Marke Surferboy mit langem Haar, lebensfroh in mein Cabrio.
Vor dem Kino warnte er mich höflich, dass er es hasst wenn während des Films gesprochen wird und er extrem lautstärkeempfindlich sei.
Ungewöhnlich aber naja , jeder hat seine Macken.
Popcorn gab es nicht, wollte er nicht, ist ungesund.
Der ganze böse Zucker.
Wir bahnten uns den Weg durch den Kinosaal und nahmen hinter drei jungen lustigen Männern Platz.
Die Vorschau lief, die Stimmung war gut und meine Begleitung sissy-pissy.
Seine schlechte Laune stieg proportional zur Guten der jungen Herren und so ermahnte er die dreisten Drei.
Sie lieferten sich Wortgefechte und die natürlichste Lösung des Problems:
Setzt euch weg.
Ich wünschte mir die Fähigkeit der Teleportation oder zumindest der Verschmelzung meiner Moleküle mit dem Kinositz und bewies, dass Augen schließen mich nicht unsichtbar werden lässt.
Meine Begleitung nahm meine Hand und zog mich eine Sitzreihe und drei Plätze weiter.
Peinlich berührt mussten wir das Ganze noch weitere zwei Male wiederholen.
 Sitzplatzreservierungen können teuflisch sein.
Der Film spielte in New York und da ich kurze Zeit vorher dort verweilen durfte, lag es mir ständig auf der Zunge, Ausrufe wie:
"Cool, da war ich auch"
"Da bin ich lang gegangen"
"Es ist so toll da"
zu tätigen.
Diesen Drang zu unterdrücken forderte 80% meiner Aufmerksamkeit.

Der Film war geschafft, meine Anspannung gelöst und ich freute mich endlich wieder reden zu dürfen.

Ich rede nicht viel.
Vielleicht ein bisschen.
Ok ich kommuniziere gerne.
Diskussionen nach einem Kinobesuch sind etwas Schönes, besonders wenn der Gegenüber es nicht so sieht.
Er fand den Film "einfach nur Scheiße".
Ich erzählte ihm, dass ich das Buch gelesen hatte und bekam als Antwort ein: "Schön für dich".
Das fand ich auch, denn so erkannte ich, im Gegensatz zu ihm, schließlich die Tiefe der Handlung.
Während ich mir eine Zigarette anzündete, ging er zielstrebig zu meinem Auto und sprang rein.
(Memo to myself: Verdeck bei Dates schließen)
Wie ein trotziges Kind saß er auf dem Beifahrersitz und starrte Löcher in meine Windschutzscheibe.
Da mir ja das Redeverbot auferlegt wurde, fuhr ich ihn wortlos nach Hause und ließ den ganzen Abend in einer Endlosschleife Revue passieren.
Was konnte ich Falsches gesagt haben, wenn ich gar nicht sprechen durfte?
Was konnte ich Falsches getan haben, wenn ich nur neben ihm im Kino saß?
War ich vermutlich Schuld an dem Film? Nein, Stephen Daldry, der Regisseur oder Jonathan Safran Foer, der Autor?
Oder vielleicht einfach Tom Hanks?
Aber jeder mag Tom Hanks.

Ich wusste es nicht und gab dem Universum die Schuld.

Vor seiner Haustür sprang er aus meinem Auto und vermerkte beim Türen zuschlagen, dass ich nicht auf eine Nachricht warten soll. Er findet mich unsympathisch und ich rede ihm zuviel.

So ersparte er mir die obligatorischen 3 Tage, die sich aus der 3-Tage-Regel der ungeschriebenen Dating-Gesetze, ergeben.
Mit dem Klassiker: Wer meldet sich zuerst?
Ein perverses Spiel übrigens, was ich zu einem späteren Zeitpunkt anhand von Beispielen noch deutlich erläutern werde.
Und so verschwand er wortlos in seiner Haustür während ich immer noch nach dem Auslöser dieser Tragödie suchte.
Eine Kurze jedoch, Ende nach dem 1. Auftakt!
Dramaturgisch etwas überspitzt, ohne Katharsis.

Vor einem Jahr sah ich ihn wieder.

Dieses Mal mit einem schreienden Baby auf dem Arm in einem Restaurant.
Eine Frau war nicht zu sehen und ich betete, dass sie nicht irgendwo mit einer Timeout-Card auf der Stillen Treppe saß.



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