Chapter 5: Die Gurke

Sonntag, September 27, 2015

"Ein Mann muss tun was ein Mann tun muss"
Leider wissen viele Männer nicht was das ist.
Im Prinzip gibt es einen glatten und sicheren Weg ins Herz einer Frau.
Man muss einfach nur die Charmeroute entlangfahren.
Ohne Abkürzungen.
Dauert vielleicht etwas länger, aber dafür landet man nicht im Heartbreak Hotel.
Einige Männer bevorzugen allerdings die holprigen Abkürzungen über Böschungen und Berge mit vielen Rückschlägen.
Adrenalinjunkies oder einfach nur Amateure.

Frauen haben mehrere Gesichter.
Es gibt das "Morgens-nach-dem-Aufstehen-Gesicht", "ich-bin-undercover-auf-der-Arbeit-Gesicht", "Date-Face", "AfterParty-Face", "abgeschminkte-Wahrheit-Gesicht" und noch viele andere.
Im hektischen Alltag oder einfach nur "Realität" haben die meisten Frauen keine Zeit sich ins Kostüm "sexy Vamp" zu zwängen und die Maske "Date-Face" aufzusetzen.
Und in diesem hektischen Alltag nach Feierabend lernte ich, in ölverschmierten Klamotten, einen  Mann im Anzug kennen.
Tatort: Supermarkt.
Er war so freundlich mir aus den oberen Regalen Kokosmilch zu holen und ich entschuldigte mich für meinen Schmuddelauftritt.
(Kleiner Tipp: Mit Highheels passiert sowas nicht, Crocs sind bequem aber sehen scheiße aus )
Interessiert fragte er nach meinem Beruf und bot mir daraufhin gleich mehrere Versicherungen an.
Ich lehnte ab.
No Risk, no Fun.
Er sicherte sich durch meine Handynummer ab während ich mal wieder ein Risiko einging.

Wir telefonierten daraufhin einige Male und mich überraschte sein relativ neutrales Verhalten.
Keine Komplimente, keine Anzeichen von männlichem Interesse.
Frauen sind wie Blumen und Komplimente sind das Wasser.
Schöne Blumen mag jeder, verwelkte keiner.
Verwelkte werden entsorgt.
Ein Teufelskreis.
Nach dem 5. Telefonat fragte er mich endlich ob wir uns nicht zum Essen verabreden wollen.
Restaurantauswahl wurde mir überlassen und so entschied ich mich für mein Stammrestaurant.
Ursprünglicher Zeitpunkt: Samstag 20:00 vor dem Restaurant

Der Samstag kam, das Dateface war aufgelegt und nach stundenlangen Konversationen und Diskussionen mit meinem Kleiderschrank, war ich Ready.
On my way.
19:40, mitten auf dem Weg, Telefon klingelt.
Er schafft es nicht zeitig, er kommt eine halbe Stunde später (20:30), da er seinem Bruder noch bei einem Hausbau helfen musste.
20:25, Windowshopping in der City, Telefon klingelt.
Er schafft es nicht zeitig, er kommt eine weitere halbe Stunde später (21:00), da er dreckig geworden ist.
20.58, Vor dem Restaurant, Telefon klingelt.
Er schafft es nicht zeitig, er muss noch duschen, braucht noch gute 40 Minuten (21:40).
21:45, Gespräche mit Fremden aus Langeweile angefangen, Telefon klingelt.
Er kann das Restaurant nicht finden, er braucht weitere 15 Minuten (22:00).
22:15, Er kommt an und schüttelt mir die Hand.

Der Kellner tat dasselbe und versprach mir, dass das Personal nun doch länger machen würde (23:00 war ursprünglich Schluss).
Es schien,dass Zeit an diesem Abend eher variabel als relativ war.
Wir aßen und versuchten über Gott und die Welt zu quatschen.
Gott und die Welt waren für uns Rapper und Hip Hop.
Musik verbindet, schlechter Musikgeschmack trennt.
In meinem Freundeskreis befinden sich einige Musiker und er kritisierte sie aufs Schärfste.
Ich bin ein loyaler Mensch und bat ihn, das Thema zu wechseln.
Er war auch ein sehr loyaler Mensch.
Loyal seiner Meinung gegenüber und beleidigte das künstlerische Schaffen meiner Freunde weiter.
Die Löwin in mir brach durch und so verteidigte ich zwischen "Pangang Gai" und "Chow Sam Sin" die Ehre meiner Künstlerfreunde.
Verzweifelt trat mein sehr charmantes Gegenüber seinen Rückzug an und lieferte mir Lines, die auch Haftbefehl, Farid Bang und Co nicht besser texten konnten.
Jeder, der guten Hip Hop kennt, kann sich ausmalen welch traumatisches Ereignis sich zu meinen Hummerkrabben gesellte.
Ich schenkte meine Aufmerksamkeit dem Essen, denn das enttäuschte mich an diesem Abend nicht und merkte wie sein Blick mittlerweile auf mir ruhte.
Ich schaute ihn fragend an und er schenkte mir ein äußerst charmantes Kompliment.
Niveau: oben genannter Musikgeschmack
" Wieso schminkst du dich eigentlich? So hässlich bist du doch gar nicht "
Ich ließ meine Hummerkrabbe fallen und fragte ihn ob er das noch ein bisschen detailreicher erklären möchte.
Ich wollte ihm die Chance geben, sich zu retten.
Die Intention und das Ziel dieser Information manifestierten sich noch nicht ganz.
Er reagierte galant mit einer Gegenfrage:
" Verstehst du  nicht? Intelligent bist du wohl auch nicht so "
Das mag wohl sein, aber es reichte noch um aufzustehen, den Tisch  und ihn zu verlassen.
Dem Kellner gab ich ein Zeichen, dass da ein Arschloch sitzt.
Ich liebe Stammrestaurants.

Einen Monat später erhielt ich eine weitere charmante Nachricht von ihm:
" Hast du dich eingekriegt? "
Ich konnte die Nachricht nicht einordnen, da ich bereits die Handynummer der Charmeuse gelöscht hatte und fragte wer der Absender sei.
Er war tatsächlich geschockt wieso ich seine Nummer gelöscht hatte.
Ich bat ihn, das Gleiche zu tun und künftig nicht das Aussehen einer Frau zu kritisieren; schon gar nicht wenn Mann selber ein Gemüse im Gesicht trägt.

Ja, die gute alte Charmeroute.
Viele finden die Auffahrt erst gar nicht.

You Might Also Like

0 Kommentare

Translate