Introlude: Der WIRUS

Sonntag, August 16, 2015


Ich war ein Spätzünder.
Während Mädchen sich heimlich mit ihren Freunden trafen und ihre ersten Erfahrungen sammelten, kletterte ich auf Bäume und prügelte mich filmreif mit Jungs.
Die Angst, die Eltern könnten von der ersten Beziehung erfahren, kannte ich nicht. Dafür aber die Angst vor den ständigen Fragen meiner Eltern, wann ich denn endlich mal einen netten Jungen nach Hause bringen würde.
Die Antwort war leider jahrelang dieselbe:
Achselzucken
Heute weiß ich, dass ich schon damals nach meinem Prinzen gesucht habe und nicht mit Fröschen spielen wollte.
Ich war ein kluges Mädchen.

Mit Mitte 20 fing ich, auf Anraten anderer Menschen, an meine Ansprüche runterzuschrauben.
Ich fand mein Singleleben toll.
Leider fanden die "Anderen" das nicht und hatten ein Problem mit meiner Lebensweise.
Eine Beziehung zu haben war das Optimum, der Sinn des Lebens, das Ende des Spiels ( egal ob mit Cheatmode oder ohne, hauptsache geschafft), die Komplettierung der eigenen Person.
Aus Ich wurde Wir.
Überall hörte man "Wir können nicht kommen, weil Sebastian arbeiten muss", "Wir mögen keine Horrorfilme, weil Nadine davon Angst bekommt."
Für mich war das Wir eher ein Verlust des Ichs unter der Einnahme des Komplementärs.
Eine feindliche Übernahme! The Faculty in der Realität! Die Körperfresser kommen!
EIN WIRUS!
Infektion: durch biologische Übertragung
Inkubationszeit: wirtsabhängig
Symptome: Persönlichkeitsverlust, Isolation, Gefühlsschwankungen ( äußern sich durch extreme Glücksgefühle und dramatische Verlustängste ) bis hin zu Störungen des Sprachzentrums ( Gebrauch von Verniedlichungen, gerne Tiernamen und Kosenamen wie Schaaahatz )

War man immer noch Ich, wurde einem gratis eine Dosis Mitleid verfeinert mit einem geneigten Kopf geschenkt. 
Obligatorisch wurde dann nach dem Warum gefragt; was indirekt soviel bedeutete wie:
Was stimmt bloß nicht mit dir? Wieso will dich keiner?
Sowas prallte immer an mir ab ( Gott hat mir nicht umsonst einen dicken Hintern gegeben ), denn schließlich wusste ich immer Eines:
Ich wollte nie ein WIR werden!
Allerdings pflanzten die WIRs eine Angst in mir:
- Alleine auf den Roadtrip durchs Leben während alle zum WIR mutieren -
Resident Evil war schon immer meine Lieblingsvideogamereihe und hat mich bestens auf eine zukünftige Zombieapokalypse vorbereitet, aber gegen die WIRs hatte ich keine Chance.
Und so starb das kluge Mädchen.



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2 Kommentare

  1. So geil geschrieben. Super, ich schau jetzt öfter rein.
    GLG Janine

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