Chapter 1: Der Korbleger

Sonntag, August 23, 2015

Meinen ersten Korb bekam ich als ich 7 war.
Da gab es diesen Jungen, dunkelblond, sonnengebräunt und unheimlich cool.
Der zukünftige High School Schwarm in der Grundschule, ein James Franco in Jung, in den meine Freundin und ich uns verliebt hatten.
Das war auch alles gut so wie es war. 
Während FU UTA rief und FARA FU, gab es für uns nur diesen Jungen: Daniel.
Man saß auf dem Pausenhof, schaute ihm verliebt hinterher und lief nach dem Schulgong Mama in die Arme.
Die Welt war in Ordnung.
Bis zu dem Tag an dem unsere Lehrerin sich in Kai Pflaume verwandelte und für die Liebe kämpfte.
Wir sollten ihm unsere Liebe gestehen.
"Nur die Liebe zählt"
In der 1. großen Pause hatten wir bereits in Deutsch und Mathematik unseren Mut gesammelt und gingen auf ihn zu.
"Wir sind in dich verliebt" 
Seine Antwort war direkt und klar:
"Verpisst euch, ihr PIIIIIEEEEP"
Dies sollte jedoch nicht mein letzter Korb bleiben.

Jahre später weiß ich, dass das Schicksal mir damals schon etwas mitteilen wollte.

Nachdem mich der WIRUS infiziert hatte, fing ich an zu daten.
Ich hatte ein, zwei nette Dates, die aber an der Formel: 
Schüchtern+Schüchtern= 1xKuss/1xJahr + 1xSex/3xJahren
scheiterten.
Wegkürzen zwecklos!

Facebook ersetzte das gute alte Studi-VZ und so kam es wie es kommen musste.
Ich hatte eine Freundschaftsanfrage von einem jungen Mann, in den ich als Teenager unsterblich verliebt war. Ich war 16 und er 3 Jahrgänge über mir. Der Basketballstar unserer Schule mit einem Handicap: Eine Freundin, die optisch genau das Gegenteil meiner kleinen Erscheinung war.
(Memo to myself: History always repeats itself)
11 Jahre später fand er mich.
Wir schrieben "hin und her" und es stellte sich heraus, dass er in der Zwischenzeit Profibasketballer war, sich aber momentan in der "Leiden-des-jungen-Werther-Phase" seines Lebens befand.
Herzmensch, der ich bin, sah ich es sofort als meine Pflicht, diesem Menschen zu helfen. 
( Große Brust + großes Herz = Bürde )
Nach stundenlangen Telefonaten beschlossen wir uns zu treffen.

Freitag, 20 Uhr, Café mit guter Straßenbahnanbindung (er hatte leider kein Auto) und einer kleinen 30-minütigen Verspätung seinerseits ( Prepaid-Karte war leer, keine Kontaktaufnahme möglich ), schwelgten wir, zwischen gelegentlichen Flirts mit der Kellnerin und Verteufelung von Ehen, in Erinnerungen.
Es wurde spät, die Straßen verschneit und es kam keine Bahn mehr.
Ich fuhr ihn gentlemanlike nach Hause und brachte ihn sicher nach oben in seine Wohnung.
Lieb und fürsorglich wie er war, warnte er mich noch bevor er die Tür aufschloß. Er hatte zwar den ganzen Tag aufgeräumt aber seine Wohnung sei etwas klein.
Die Tür ging auf und ich lernte eine neue Definition des Wortes Wohnung kennen.
80er Jahre Pornobett in der Mitte des Raumes, Fernseher davor, links die Behausung von Bugs Bunnys kleinem Bruder mit Aussicht auf einen Kleiderhaufen, Mikrowelle auf einem Tisch und Geschirr auf dem Boden.
That's it! 
Badezimmer und Toilette gratis im Treppenhaus.
Das Mitleid in mir wuchs auf Godzillagröße und geistig spielten sich bei mir schon Szenarien und Pläne ab, wie ich einen Dirk Nowitzki aus ihm machen konnte. Ich sah mich jubelnd am Spielfeldrand stehen und stolz mit ihm zusammen seinen Erfolg, den wir erkämpft hatten, feiern.
Ich konnte ihn doch nicht in so einem Loch leben lassen!
Wir saßen auf seinem Pornobett mit eingebautem Radio und hörten R. Kellys TP-2-Com ( Das Album ist ab dem Tage für mich unerträglich geworden, danke nochmal )
Wir unterhielten uns über alte Zeiten und bevor ich fuhr, nahm er mich in die Arme und flüsterte mir diesen einen Satz, den jede Frau hören will,ins Ohr:
" Baby, du hast jetzt einen starken Mann an deiner Seite "
Ich war High in the Sky, verliebt, happy und überlegte mir schon Namen für unsere Kinder.
Ich verließ die Höhle und er lud mich zu seinem Spiel am nächsten Tag ein.

Beste Freundin im Schlepptau, aufgestylt to the Max, Adresse ins Navi und einer Vorfreude auf Hannovers Madison Square Gardens All Star Game, erwartete uns:
Eine Gesamtschule, besser gesagt, die Sporthalle.
Da stöckelten wir also an Eltern vorbei und versuchten den Giftpfeilen frustrierter Mütter und Ehefrauen auszuweichen.
Sein Team, voller 17-21jähriger und ihm ( süße 30 zu der Zeit ), verlor und Schuld hatte mein aktives Zuschauen auf der Tribüne.
Stinkende Sportsachen in mein Auto und 1. Stop auf der Highway to Hell: Subway.
Der Held hatte Hunger, ich seiner Meinung nach nicht, also gab es nur ein XL-Sub für ihn.
Zurück in seinem Kaninchenbau lag er niedergeschlagen auf seinem Bett und gab mir die Schuld an seiner Niederlage.
Mein Herzkönig hatte sich in die Herzkönigin verwandelt und ich flüchtete schnell wieder in mein eigenes Wunderland zurück.

Am nächsten Tag lud er mich zu sich ein und ich wagte mich wieder in die Höhle. Ich stopfte mein Auto mit Getränken und Essen voll, schließlich hatte der Arme ja kein Kühlschrank und nix zum Essen. 
Mama hat mir immer beigebracht, ein Kühlschrank muss voll sein!
Und was ist, wenn es keinen gibt?
Trotzdem!
Aus Dankbarkeit kniff er mir in meine Hüfte:
" Also schlank bist du ja auch nicht "
Blitzmerker war er auch noch.
Ich verstand nicht so recht aber lieb und einfühlsam wie er war, erklärte er mir, dass er nicht wüsste, ob er mit meinem dicken Hintern "klar kommen" würde.
Schließlich sei das was Neues für ihn.
"Ist wie mit Käse auf 'ner Pizza, bis 12 mochte ich den nicht, jetzt liebe ich Käse auf 'ner Pizza"
Kennt ihr doch alle: Wenn ihr Schokokuchen esst, wisst ihr erst Jahre später ob er euch schmeckt, ganz simpel.
Eier aus Bodenhaltung mag ich übrigens immer noch nicht. 
Ich erklärte ihm das System der Waage:
Er solle sich umschauen, danach in seine Brieftasche, aus dem Fenster auf die Bahnstation blicken und sein antiquarisches Handy in die Hand nehmen. 
"Das Alles befindet sich in einer Waagschale und mein Hintern in der anderen. Was überwiegt?"
Könne ich mich daran gewöhnen, nachts ins Treppenhaus zu laufen um für kleine Mädchen zu machen? Ihm Essen vorbeizubringen? Finanziell zu unterstützen? Die Kraft aufbringen einen Verlierer tagtäglich an meiner Seite zu ertragen?
Mein Opfer wäre schwerer als mein Hintern.
Ich stand auf, verließ den Bau und wuchs beim Durchschreiten der Tür auf meine normale Größe zurück. 


Ich hörte wochenlang nix von ihm bis Weihnachten an der Tür und er an mein Handy klopfte.
Aussprache war gewünscht.
Es tat ihm leid, aber lieb wie er war, erklärte er mir, dass er mich nur betrügen würde, wenn wir eine Beziehung hätten.
Das machen seine Teamkollegen auch alle, da ihre Frauen sich nicht dem Perfektionswahnsinn anschliessen wollen.
Ich wäre optisch einfach nicht attraktiv, charakterlich top, aber mein Hintern zu fett. Deshalb gab es auch keine Annäherungsversuche seinerseits.
Also das Nein-Sandwich.
Ich gab ihm noch einen lieben Tip bevor ich das Gespräch beendete:
" Das Leben ist kein Like Mike Movie, Michael Jordan schenkt dir keine Schuhe und du wirst kein großer Basketballstar. 1999 ist vorbei, willkommen 2010! "

Heute sieht man ihn immer noch bahnfahrend, von der großen Karriere träumend, durch die Stadt ziehen und man fragt sich ob das der Geist der Vergangenheit oder einfach nur ein Zeitreisender ist.

Das war mein 2. Korb, von einem ehemaligen Basketballstar, der sonst keine mehr traf.






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